Für meinen ersten Artikel tauche ich direkt tief in eine der größten Errungenschaften, aber gleichzeitig auch in eine der größten Problemquellen unserer Zeit ein. Vermutlich liest du diesen Beitrag gerade darauf.
Die Rede ist natürlich von unserem Handy.
In den 1980er-Jahren wurde das erste kommerzielle Handy herausgebracht. Für die Menschen bedeutete dies ein Stück mehr Freiheit durch ortsunabhängige Kommunikation.
Heutzutage ist es mehr als nur ein Telefon. Ob nun ständige Erreichbarkeit, ein tragbares Lexikon oder der KI-gesteuerte Assistent – es handelt sich um ein unverzichtbares Alltagswerkzeug, das uns gleichzeitig unterhält und beschäftigt.
Ich möchte dich nicht dazu bewegen, es wegzuwerfen. Ich möchte dir bewusst machen, was unbewusster Umgang und Konsum mit dir und deinem Wohlbefinden anrichten können.
Du hast dir sicherlich auch schon einmal die Frage gestellt, wieso du nicht zufrieden mit dem bist, was du hast.
Bis zu einem gewissen Grad ist das absolut natürlich. Unzufriedenheit kann motivieren und für Antrieb sorgen. Bei mir führt sie jedoch häufig in eine negative Gedankenspirale.
Betrachten wir das Ganze also mal genauer. Was ist Unzufriedenheit überhaupt?
Unzufriedenheit entsteht oft aus der Diskrepanz zwischen dem Soll- und dem Ist-Zustand. In anderen Worten:
Du und ich schaffen es nicht, unsere Bedürfnisse und Erwartungshaltungen zu erfüllen.
In dieser Logik weitergedacht muss man sich also anschauen, woher unsere Erwartungen kommen.
Diese sind natürlich verschiedenster Herkunft: Sie stammen aus unserer Erziehung, aus unseren inneren Werten, unserem Selbstbild, persönlichen Erfahrungen und aus sozialen Einflüssen.
Aus diesem Komplex bilden sich unsere Erwartungen – an uns selbst und an unser Umfeld.
Die sozialen Medien zählen zum stärksten sozialen Einfluss überhaupt und bilden damit einen entscheidenden Faktor unserer Erwartungshaltungen.
Betrachtet man die menschliche Vergangenheit, ist das auch kein Wunder.
Vor gerade einmal 30–50 Jahren bestanden soziale Kontakte überwiegend aus Familie, Freunden und (Schul-)Kollegen.
Heute leben wir in einer digitalen Welt, in der wir 24/7 Zugriff auf Inhalte von Millionen Menschen haben – Menschen, die die besten Momente ihres Lebens gefiltert und inszeniert hochladen, während wir diese wiederum, bewusst oder unbewusst, mit unserem eigenen, realen Leben vergleichen.
Real bedeutet hierbei, dass wir nicht unsere besten Momente zum Vergleich heranziehen, sondern unser gesamtes Leben.
Die Realität besteht nicht nur aus tollen Tagen, Gelächter und Sonnenschein, sondern eben auch aus traurigen, schmerzhaften und unangenehmen Momenten.
Ich brauche dir also nicht zu sagen, dass wir in diesem Vergleich immer schlechter abschneiden werden.
“Comparison is the thief of joy.” – Theodore Roosevelt
Doch Social Media beeinflusst uns nicht nur psychologisch, sondern auch neurobiologisch.
Beim ständigen Konsum werden immer wieder kleine Mengen Dopamin ausgeschüttet – ein Neurotransmitter, der eine zentrale Rolle in unserem Belohnungssystem spielt.
Dopamin löst die sogenannte Vorfreude aus und ist der Treibstoff für Motivation, Lernen und Handeln.
Wir werden also jedes Mal von unserem Gehirn belohnt, wenn wir zum Handy greifen.
So entsteht ein nie endender Kreislauf aus Reiz und Belohnung – ein System, für das wir evolutionär gar nicht ausgelegt sind.
Feuer, Essen und Sex waren vor Tausenden Jahren die Hauptquellen dieser Dopamin-Ausschüttungen. Heute sind wir in nur 30 Minuten mehr solcher Reize ausgesetzt, als früher in einem ganzen Leben.
Überstimulation
Wir sind heutzutage ständig Reizen ausgesetzt: Benachrichtigungen, Videos, Likes, Newsfeeds – alles um uns herum fordert unsere Aufmerksamkeit. Unser Gehirn ist evolutionär aber nicht dafür ausgelegt, permanent stimuliert zu werden. Dauerhafte Überstimulation führt dazu, dass wir unruhig, abgelenkt und emotional erschöpft werden. Wir merken oft gar nicht, dass wir permanent auf „High Alert“ sind, bis wir uns ausgebrannt fühlen oder selbst die kleinen Dinge im Alltag nicht mehr genießen können. Genau hier setzt der Kreislauf aus Dopamin, Reiz und Belohnung ein – wir scrollen weiter, um wieder kurz Freude oder Ablenkung zu spüren, und landen noch tiefer in der Überstimulation.
Das war leider noch nicht alles.
Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, desto klarer wird, welch große Rolle Dopamin wirklich spielt.
Jeder Mensch hat ein gewisses Grundniveau an Zufriedenheit bzw. Glück – oder genauer gesagt: an Dopamin.
Dieses Grundniveau bildet die sogenannte Baseline.
Sowohl negative als auch positive Reize beeinflussen unseren Dopaminspiegel und lösen dadurch Spitzen (Spikes) aus.
Man empfindet kurzzeitig Freude.
Sind wir nun dauerhaft starken Dopamin-Triggern ausgesetzt, reagiert das Gehirn mit einem Schutzmechanismus:
Es senkt das Grundniveau herab und reduziert die Empfindlichkeit der Dopaminrezeptoren.
In der Folge erreichen die Spikes beim Konsum nicht mehr denselben Höchststand wie zuvor – man benötigt mehr und stärkere Reize, um dasselbe Glücksgefühl zu empfinden.
Dieses Phänomen lässt sich beispielsweise auch beim Drogen- und Pornokonsum beobachten.
Dadurch sinkt aber auch die Motivation und Freude im Alltag – normale Dinge wirken plötzlich langweilig.
Möchtest du das? Ganz sicher nicht.
Bewusste Langeweile & das Default Mode Network
Was viele nicht wissen: Diese „Langeweile“, die wir so verzweifelt vermeiden, ist eigentlich ein natürlicher Erholungszustand unseres Gehirns.Wenn du dein Handy mal bewusst weglegst und dich nicht sofort ablenkst, aktiviert sich ein Teil deines Gehirns, der als Default Mode Network (DMN) bezeichnet wird.
Dieses Netzwerk wird immer dann aktiv, wenn du nicht zielgerichtet denkst oder handelst – also beim Tagträumen, Nachdenken oder einfach beim „Nichts-Tun“.
Das DMN ist der Ort, an dem sich Gedanken ordnen, Erinnerungen verarbeitet und neue Ideen geboren werden.
Viele unserer besten Einfälle entstehen genau dann – unter der Dusche, beim Spazierengehen oder kurz vor dem Einschlafen.
Wenn du also bewusste Reizpausen zulässt, stärkst du nicht nur deine mentale Ruhe, sondern auch deine Kreativität.
Langeweile ist also kein Feind, sondern ein Signal: Dein Gehirn braucht Zeit, um wieder durchzuatmen.
Was kannst du also tun?
Gar nicht viel – ehrlich gesagt.
Der Dopaminspiegel und deine Sensibilität pendeln sich meist nach wenigen Tagen oder Wochen wieder ein.
Alles, was du tun musst, ist, deinen Konsum deutlich zu reduzieren.
Die Herausforderung besteht darin, den anfänglichen Entzug durchzuhalten.
Mein Tipp an dich: Such dir Ersatz. Beschäftige dich analog und abseits vom Bildschirm.
Räum zur Not jeden Tag deine Wohnung auf und baue natürliche Dopaminquellen in deinen Alltag ein.
Dazu zählen Sport, gutes (gesundes) Essen, Schlaf, Natur, reale soziale Kontakte, bewusste Langeweile und kreative Projekte.
Gerade im Punkt Kreativität habe ich enorme Fortschritte gemacht.
Wie anfangs schon gesagt, sollst du dein Handy nicht wegwerfen.
Auch stumpfe Berieselung ist mal okay.
Mach es dir nur in dem Moment bewusst und setz dir ein Zeitlimit, damit nicht plötzlich wieder vier Stunden deines Lebens an dir vorbeigezogen sind.
Pro Tipp: Geh mal die Seiten durch, denen du folgst, und lösche alle aus deinem Feed, die dir das „schlechte“ Dopamin geben.
Ich hoffe, ich konnte dich inspirieren.
Bis zum nächsten Beitrag.
Anthony